In der Uhrmacherei bezeichnet der Begriff Carbid eine Familie von Chemikalien, die aus Kohlenstoff bestehen, der an ein Metall — meist Wolfram oder Titan — gebunden ist und mechanische Eigenschaften hat, die denen von herkömmlichem Stahl weit überlegen sind. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Material, sondern um eine Klasse, und die Varianten zu verwechseln ist ein häufiger Fehler, auch unter Händlern.
Wolframcarbid (WC) ist am weitesten verbreitet. Seine Dichte ist fast doppelt so hoch wie die von Stahl und vergleichbar mit der von Gold: etwa 15–16 g/cm³. Diese Dichte macht es interessant für Mikro-Rotoren, wo konzentrierte Masse auf kleinem Raum benötigt wird. Das X-Centric-Kaliber des Trilobe nutzt es genau so: ein kompakter Mikro-Rotor, der ausreichendes Drehmoment erzeugen kann, um die Zifferblattscheiben anzutreiben. Bulgari ist beim Octo Finissimo Ultra Tourbillon einen radikaleren Weg gegangen: Die Hauptplatine und der Boden sind aus einem einzigen Stück Wolframcarbid gefertigt, was die Verbindung zwischen den beiden Komponenten eliminiert und die Gesamtdicke ohne Verlust an Struktursteifigkeit reduziert. Omega verwendete Wolframcarbid für die gerillte Lünette der Globemaster Annual Calendar aus Stahl, wo die zusätzliche Festigkeit die Bearbeitungskosten rechtfertigt. Das Material ist biokompatibel und chemisch inert: Es oxidiert nicht, verursacht keine Hautreaktionen, altert nicht sichtbar.
Titancarbid (TiC) ist etwa halb so leicht wie Wolframcarbid und hat eine Vickers-Härte, die 1750 HV übersteigen kann. Rado hat sein Material Ceramos um diesen Stoff herum entwickelt: etwa 90% TiC mit 10% Bindemitall, was einen Cermet — eine Keramik-Metall-Verbindung — ergibt, die wie Keramik in Kratzerbeständigkeit, aber wie Metall in Zähigkeit und Polierbarkeit verhält. Seit 2011 kann Ceramos in Präzisionswerkzeugen eingespritzt werden, was komplexe Geometrien für die DiaStar-Lünette ermöglicht hat. Porsche Design nutzt TiC anders: als Beschichtung auf reinem Titan, nicht als Massivmaterial. Das Ergebnis ist ein undurchsichtiges schwarzes Gehäuse mit sehr hoher Kratzerbeständigkeit, erreicht durch das Glass-Bead-Blasting-Verfahren über der Beschichtung.
Rolex ging mit der Cerachrom-Lünette der Daytona Rolesium 125602 einen dritten Weg: eine Verbundformel auf Basis von Zirkonia, angereichert mit Wolframcarbid, separat vom Standard-Cerachrom-Rezept patentiert. Das Hinzufügen von WC zur keramischen Matrix erhöht die Härte und verschiebt das Aussehen zu einem anthrazitgrau mit metallischen Reflexen, anders als reine Keramik.
Aus der Werkstatt: Massives Wolframcarbid wird fast ausschließlich durch Sintern bearbeitet — herkömmliches Fräsen verschleißt Werkzeuge schnell und die Kosten steigen. Wer sehr niedrige Preise für Komponenten sieht, die als massives WC angepriesen werden, sollte skeptisch sein: Es ist fast immer eine PVD- oder CVD-Beschichtung, nicht das Massivmaterial.