Der Shell Cordovan ist eines der mythischsten und zugleich am wenigsten bekannten Leder in der Welt der Luxusaccessoires. Uhrenarmbänder, Schuhe, Brieftaschen: Cordovan hat eine Geschichte, die im 18. Jahrhundert im spanischen Cordoba beginnt, heute jedoch nur dank zweier Gerbereien weltweit überlebt. In diesem Beitrag erkläre ich Ihnen, wie man ein authentisches Cordovan von Nachahmungen aus poliertem Rindsleder unterscheidet — ein Detail, das den Unterschied zwischen einem Armband für 80 € und einem für 320 € ausmacht.
Was ist Shell Cordovan wirklich?
Cordovan ist kein „Leder" im herkömmlichen Sinne. Es handelt sich um eine faserige Membran, die zwischen Haut und Muskel im Hinterteil von Zugpferden liegt. Jedes Pferd liefert zwei ovale „Shells" (Schalen) von jeweils etwa 25 × 20 cm: ausreichend für ein oder zwei hochwertige Armbänder. Der Rest der Pferdehaut wird als gewöhnliches Horsehide verwendet, ist jedoch kein Cordovan.
Die Seltenheit des Cordovan hat zwei Komponenten: den Rohstoff (weltweit gibt es nur wenige geeignete Zugpferde) und die Gerbdauer (6 Monate Einlage in pflanzlichen Tanninen, dann 4 Monate Handveredelung). Vom Beginn der Gerbung bis zum fertigen Armband vergehen über 12 Monate. Daher sind die Verfügbarkeit begrenzt und der Preis hoch.
Wer gerbt authentisches Shell Cordovan?
Die Horween Leather Company (Chicago, gegründet 1905) ist die historische amerikanische Referenz. Sie gerbt mit einer geschützten Mischung aus Quebracho, Mimose und Fischölen. Ihre „Shells" sind an einer leicht wachsartigen Oberfläche und einem unverwechselbaren, tiefen Glanz zu erkennen. Die historischen Farben sind: Color 8 (Dunkelbordeaux), Whiskey, Black, Burgundy.
Shinki Hikaku (Himeji, Japan) ist die japanische Referenz und seit der Nachkriegszeit aktiv. Sie gerbt zu 100 % pflanzlich mit einem höheren Mimosenanteil, einer weicheren und seidigeren Veredelung und einer deutlich breiteren Farbpalette (über 20 Nuancen, von Tan bis Grün). Für Armbänder der italienischen Haute Horlogerie wird Shinki oft wegen seiner ästhetischen Feinheit bevorzugt.
Es gibt weitere Gerbereien, die „Horsehide" oder „Cordovan-style" verkaufen, doch handelt es sich dabei nicht um authentisches Cordovan. Wenn ein Armband als „Cordovan" bezeichnet wird und die Herkunftsgerberei (Horween oder Shinki Hikaku) nicht angegeben ist, handelt es sich nicht um echtes Cordovan.
Wie funktioniert der Biegetest?
Dies ist der schnellste Test, um Cordovan von poliertem Rindsleder zu unterscheiden. Nehmen Sie das Armband und biegen Sie es um 90 Grad zwischen Daumen und Zeigefinger. Beobachten Sie die Oberfläche:
- Authentisches Cordovan: Die Oberfläche bleibt glatt und gespannt. Es entstehen keine Falten, Knicke oder „Brüche" im Leder. Die Cordovan-Faser ist kompakt und homogen, verformbar ohne sichtbare Brüche.
- Rindsleder oder gummiertes Calf: Sofort erscheinen kleine parallele Falten („Brüche") auf der Oberfläche. Calf ist in Schichten aufgebaut und „bricht" beim Biegen.
Dieser Test funktioniert in 5 Sekunden und erfordert keine Erfahrung. Er wird auch von Cordovan-Händlern selbst zur Erkennung fehlerhafter Chargen genutzt.
Was ist Color 8 und warum ist es die Referenz?
Das Color 8 von Horween ist die ursprüngliche und archetypische Farbe des Cordovan: ein dunkles Bordeaux, das in den Reflexen ins Schokoladenbraun übergeht, natürlich durch die pflanzliche Gerbung ohne Zusatz von Farbstoffen erzielt. Es ist die Farbe, die Cordovan „von selbst" nach der traditionellen Gerbung annimmt.
Auf einem Armband in Color 8 entwickelt sich die Patina im Laufe der Zeit (12-24 Monate Tragedauer): ein Wechselspiel aus Weinrot-, warmen Braun- und satinierten Schwarztönen an den stärker beanspruchten Stellen. Jedes Armband entwickelt eine individuelle Patina, abhängig von Nutzung, Schweiß und Lichteinwirkung. Dies ist einer der Gründe, warum Color 8 in Kreisen der Haute Horlogerie und der englischen Schuhmacherei (Alden, Carmina) gesammelt wird.
Gewicht, Dichte und Reflex: Was spürt man in der Hand?
Drei sensorische Merkmale unterscheiden das authentische Cordovan:
- Gewicht: Cordovan ist deutlich schwerer als Rindsleder gleicher Stärke. Eine Schließe mit Cordovan-Armband von 20mm wiegt 30-40 % mehr als dasselbe Armband aus Calf.
- Dichte: Es fühlt sich fest, dicht und leicht „lebendig" an. Eine gummierte Nachahmung ist weich und leicht.
- Reflex: Der Glanz des Cordovan verändert sich je nach Blickwinkel, nie gleichförmig. Auf einer lackierten oder gummierten Oberfläche ist der Reflex homogen und „tot".
Wie erkennt man ein falsches Cordovan in drei Handgriffen?
Wenn ein „Shell Cordovan"-Armband weniger als 150 € kostet, ist es kein Cordovan. Wenn der Verkäufer die Herkunftsgerberei nicht benennen kann, ist es kein Cordovan. Wenn der Biegetest Falten zeigt, ist es kein Cordovan. Die Regel ist einfach: Echtes Cordovan ist selten, langsam und rückverfolgbar. Im atelier Casati Milano verarbeiten wir ausschließlich zertifiziertes Cordovan von Horween und Shinki Hikaku, mit handgefertigten Armbändern nach Maß. Möchten Sie den Unterschied zwischen Color 8 Horween und einem Shinki-Pendant sehen? Besuchen Sie uns in der Via XX Settembre 15 — ausschließlich nach Terminvereinbarung.