Synthetischer Saphir — Härte 9 auf der Mohs-Skala, etwa 2.000 Vickers — ist nicht aus ästhetischen Gründen zum Referenzmaterial für Uhrenglasserien der höchsten Klasse geworden, sondern wegen einer einzigen konkretischen Eigenschaft: Er widersteht Kratzern besser als jedes andere in der Uhrmacherei verwendete Glas, ob Acryl oder Mineralglas. Der Nachteil ist, dass er bei Stößen brüchiger ist, als viele glauben: Ein konzentrierter Druck auf eine Kante kann ihn zum Bersten bringen, während ein Acrylkristall zwar zerkratzt, aber nicht zerbricht. Aus diesem Grund hat Panerai bei einem 47-mm-Gehäuse bewusst Plexiglas auf der Vorderseite gewählt und Saphir für den Boden reserviert.
Die Geometrie des Kristalls verändert die Dinge optisch und mechanisch. Der flache Kristall ist am günstigsten herzustellen. Der gewölbte Kristall ist auf einer Seite konvex. Der Doppelkristall zeigt zwei konvexe gekrümmte Oberflächen, eine nach innen und eine nach außen: Er erzeugt einen Linseneffekt, der die wahrgenommene Tiefe des Zifferblatts erhöht, und ist das typische Profil von Vintage-inspirierten Uhren, wie bei den Modellen Oris Artelier S oder dem 1935 von Cuervo y Sobrinos. Die Corum Bubble treibt das Konzept an die Grenze, mit einer Dicke von 8 mm, die eine auffällige und absichtliche optische Verzerrung erzeugt. Um komplexe Formen wie die zylindrische des Rado Anatom zu bearbeiten, verwendet Rado Diamantspitzen: Bei 2.000 Vickers gibt es keine Alternativen.
Die AR-Behandlung — Entspiegelung — ist eine mehrschichtige Beschichtung, die Reflexionen auf der Oberfläche reduziert. Sie kann auf einer oder beiden Seiten aufgebracht werden; in einigen Fällen, wie bei dem Schweizer ARdur®, ist sie für bestimmte Seiten zertifiziert. Auf dem Vorderkristall verbessert sie die Lesbarkeit bei Gegenlicht; auf dem transparenten Boden ermöglicht es die Beobachtung der Uhr ohne Lichtstörungen. Die nur innere Anwendung ist ein Kompromiss: Sie schützt die Beschichtung vor Verschleiß, reduziert aber die Effektivität.
Saphir hat Anwendungen über den Vorderkristall hinaus gefunden. Die Lünette der Favre-Leuba Deep Blue Revival verwendet einen Saphireinsatz anstelle der ursprünglichen eloxierten Aluminium: Die Messskala verblasst nicht. Chopard hat einen einteiligen Saphir-Gong für die Strike One patentiert: Der Kristall vibriert direkt, wenn der Hammer auf ihn trifft und erzeugt den Ton. Auf dem Boden wenden einige Manufakturen Dekorbeschichtungen zwischen dem Kristall und dem Titangehäuse an und nutzen die Transparenz, um Tiefeneffekte zu erzeugen. Die Saphirprismen des MB&F HM8 Mark 2 projizieren und vergrößern die Stundenscheiben durch eine Doppelkrümmung mit aktiver optischer Funktion. Dies sind Anwendungen, die meine Werkbank aus den Achtzigern nie gesehen hatte: Das Material ist dasselbe, aber die Technik dahinter hat sich radikal verändert.