In der Uhrmacherei ist das Carillon nicht einfach ein Signalton: Es ist ein System mehrerer Hämmerchen, die unterschiedliche Gongs in melodischer Abfolge schlagen und so eine erkennbare Phrasenfolge erzeugen, anstelle einfacher einzelner Schläge. Der Unterschied zu einer klassischen Minutenrepetition liegt genau in der Anzahl der Stimmen: Während die traditionelle Repetition zwei Hämmerchen und zwei Gongs nutzt, verwendet das Carillon mindestens vier und eröffnet damit harmonische Intervalle und strukturierte Melodien.
Die am weitesten verbreitete Sequenz ist Westminster, die die vier Viertelstunden der Westminster-Glocken in London reproduziert. Der Mechanismus teilt die Zeit in Stunden, Viertelstunden und Minuten mittels unterschiedlicher Staffeln ein: Das Vacheron Constantin mit fünf Gongs und vier Staffeln ist ein extremes Beispiel, das sowohl in Grande Sonnerie — wo die Stunde bei jedem Viertel wiederholt wird — als auch in Petite Sonnerie funktioniert, wo die Viertel ohne Stundenwiederholung erklingen. Die Unterscheidung Grande/Petite beeinflusst direkt die Gangreserve: Die Grande Sonnerie ist mechanisch wesentlich anspruchsvoller.
Das Carillon kann in eine Minutenrepetition integriert sein, wie in der Armin Strom Minute Repeater Resonance 12:59, oder mit einem Chronograph gekoppelt sein, wie in der Omega Speedmaster Chrono Chime, wo die Chronograph-Nocken die verstrichene Zeit auslesen und in Tonfolgen auf goldenen Gongs umwandeln. In diesem Kaliber gibt es drei spezifische Nocken — für die fünfzehn Minuten, die Zehnersekunden und die Einzelsekunden — die die Hämmerchen unabhängig von der Zeitmessfunktion steuern.
Die akustische Qualität hängt vom Material und der Form der Gongs, der Masse und dem Aufprallpunkt der Hämmerchen sowie vom Fehlen unerwünschter Stille zwischen den Schlägen ab. Jaeger-LeCoultre entwickelte die sogenannten Trébuchet-Hämmerchen und ein System zur Beseitigung stiller Intervalle, um den Ton flüssiger zu machen; Kristallgongs, die von einigen Herstellern verwendet werden, verändern den Klang weiter. Aus der Werkstatt habe ich gelernt, dass die Klainheit des Tons sich vor allem mit ruhigem Handgelenk in der Stille zeigt: Ein schlecht gedämpfter Gong vibriert gegen das Gehäuse und trübt alles.
Das Hour-Strike au Passage — das automatisch bei jeder vollen Stunde ohne manuelle Auslösung erklingt, wie in der MeisterSinger Bell Hora — ist die einfachste Form eines integrierten Carillons. Auch zugänglichere Lösungen, wie die Christopher Ward C1 Bel Canto mit ihrem einzelnen sichtbaren Gong auf dem Zifferblatt, gehören konzeptionell zur gleichen Familie: Das unterscheidende Element bleibt der Ton als Information, nicht nur als Effekt.