Ein retrograder Zeiger dreht sich nicht: Er bewegt sich über einen Bogen, springt dann in einem Blitz auf Null zurück. Der Unterschied zu einem traditionellen Zeiger ist nicht nur ästhetisch — er ist mechanisch, und er ändert alles, wie sich Energie im Uhrwerk ansammelt und entlädt.
Das Prinzip ist einfach zu beschreiben, schwieriger umzusetzen. Ein Nocken — oft mit Schneckenprofil, die sogenannte Schneckennockenwelle — steht in ständigem Kontakt mit einem Finger oder Sektor. Während sich der Nocken dreht, baut der Sektor Spannung gegen die Rückstellfeder auf. Wenn der Nocken die Stufe erreicht, gibt er alle Energie auf einmal frei: Der Zeiger kehrt in einem Bruchteil einer Sekunde zum Ausgangspunkt zurück. Bei der UR-150 von Urwerk beispielsweise erfolgt die Minutenrückkehr in einer Hundertstelsekunde. Bei der Chronoswiss Pulse One beträgt der Zyklus dreißig Sekunden, nicht sechzig: halber Bogen, halber Zyklus, doppelte Rückkehr pro Minute.
Die Komplikation kann auf jede Anzeige angewendet werden: Sekunden, Minuten, Stunden, Datum, Wochentag, Gangreserve. Wenn zwei retrograde Bögen parallel auf dem gleichen Zifferblatt arbeiten, spricht man von Bi-Retrograd — eine Lösung, die Roger Dubuis bereits 1989 mit einem angemeldeten Patent umgesetzt hat und die später zur Signatur des Hauses wurde. Das Bi-Retrograd kann Tag und Datum auf separaten Sektoren verwalten, oder die ersten und letzten Stunden einer Gangreserve, wie bei der Breva Segreto von Lario, wo zwei unabhängige Zeiger jeweils die ersten sechs Tage und die letzten vierundzwanzig Stunden der Autonomie abdecken.
Aus der Werkstatt heraus habe ich drei wiederkehrende kritische Punkte bei Restaurierung und Wartung beobachtet. Erstens: Die Rückstellfeder ermüdet mit der Zeit, besonders bei Uhrwerken mit vielen kurzen Zyklen — retrograde Sekunden verschleißen schneller als Minuten. Zweitens: Der Sektor muss perfekt ausgerichtet sein; jedes seitliche Spiel führt zu einer ungenauen Rückkehr oder schlimmer noch zu einer Teilrückkehr. Drittens: Bei Bi-Retrograd-Kaliber müssen die beiden Rückstellfedern ausgewogen sein — wenn eine stärker ist als die andere, erfährt das Zifferblatt bei jedem Schlag asymmetrische Vibrationen.
Der Gangreserve-Retrograd ist wahrscheinlich die praktischste Version im täglichen Gebrauch: Das Ablesen auf einem linearen Bogen ist unmittelbarer als ein kreisförmiger Indikator, und die Position des Zeigers gibt schnell Aufschluss über die verbleibende Autonomie, ohne Winkel berechnen zu müssen. Ansonsten bleibt der Retrograd eine Komplikation, die einen Designer erfordert, der bereit ist, die Geometrie des Zifferblatts um den Bogen herum zu überdenken, nicht den Bogen in ein bereits entworfenes Zifferblatt einzufügen.