Almanacco del Cinturino

Inerzia variabile

An der Werkbank ist das erste, das man beim Auseinandernehmen einer Unruh lernt, dass die Schwingungsfrequenz vom Trägheitsmoment abhängt: Je mehr Masse vom Mittelpunkt entfernt ist, desto langsamer die Schwingung. Die Unruh mit variabler Trägheit nutzt dieses Prinzip gezielt, indem kleine bewegliche Gewichte — exzentrische Schrauben, Goldblöcke, Muttern — auf den Speichen oder Schultern des Rades montiert werden. Durch das Verschieben zum Rand oder zur Mitte wird das Trägheitsmoment verändert, ohne die Spirale zu berühren, ohne ihre Windungen zu verkürzen, ohne das Werk auseinanderzunehmen.

Der technische Vorteil gegenüber der traditionellen Regulierung ist real. Bei der klassischen Unruh mit Regulierhebel wird die aktive Länge der Feder bearbeitet: eine wirksame Methode, die aber Veränderungen in der Geometrie der Spirale selbst einführt, mit Folgen für die Stabilität in verschiedenen Positionen. Hier hingegen bleibt die Spirale intakt. Die Regulierung ist mechanisch sauberer und bei Goldmassen zeitlich stabiler, da Gold nicht oxidiert und das Gewicht konstant bleibt.

Dieses System wird fast immer mit der freien Spirale (free-sprung) kombiniert: die freie Unruh ohne feste Rückstellfeder. Die beiden Lösungen verstärken sich gegenseitig — free-sprung beseitigt Störungen durch den Regulierhebel, variable Trägheit ermöglicht die Feinjustierung der Frequenz ohne Verzicht auf geometrische Sauberkeit. Kaliber wie die Rolex 3285 nutzen Microstella, mit einem mikrometrischen Schraubendreher verschiebbare Goldmuttern; Moritz Grossmann arbeitet mit einer 14,2-mm-Unruh mit Justierschrauben kombiniert mit einer Nivarox-Feder; die VMF 5500 montiert Trägheitsblöcke aus Gold auf dedizierter Architektur. Die Mean-Time-Screws der David Candaux DC12 MaveriK erfüllen die gleiche Funktion, ermöglichen aber auch die Korrektur des Schwerpunkts, was eine Verfeinerung hinzufügt, die sonst schwer zu erreichen ist.

Aus chronometrischer Sicht verbessert sich die Positionsstabilität — vertikal, horizontal, Krone oben, Krone unten — weil die Masseverteilung mit geometrischer Präzision kontrollierbar ist. Gleiches gilt für Wärmeschwankungen: Goldmassen mit bekanntem Ausdehnungskoeffizienten, kombiniert mit Spiralen aus stabilisierten Legierungen wie Nivarox, ergeben ein vorhersehbareres System. Es garantiert nicht zwingend bessere Ergebnisse: Ein schlecht justiertes Werk mit variabler Trägheit bleibt schlecht justiert. Aber es bietet dem Regulator ein verfeinerteres Werkzeug.

Eine weitere Variante ist die Breguet-Endkurve kombiniert mit variabler Trägheit, wie im Oureau-Kaliber von Aubert Ramel: Die Breguet-Kurve korrigiert die Isochronie der Spirale, die variable Trägheit verwaltet die Frequenzjustierung. Dies sind komplementäre Lösungen, keine Alternativen.

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